Was ein Künstleratelier mit deiner Rede zu tun hat

Was ein Künstleratelier mit deiner Rede zu tun hat

Dr. Sylvia Dominique Volz
von Dr. Sylvia Dominique Volz

Vor ein paar Tagen war ich in Düsseldorf im Atelier der Malerin Angelika Trojnarski. Ein Fest für Augen und Ohren, das noch immer nachklingt. Dabei kam mir der Gedanke, dir zu erzählen, warum bei mir (fast) alles „Atelier” heißt. 

Die Geschichte beginnt unter einem Dach in Heidelberg, als ich sechs Jahre alt war.

IMG 1960


Meine kunstaffinen Eltern waren mit vielen Künstler:innen befreundet und nahmen mich oft mit. An jenem Nachmittag in meiner Heimatstadt kletterte ich mit meinem Vater in einem Altbau die Stiege hinauf, bis ganz nach oben. Das Atelier, das wir dort betraten, hatte etwas von Carl Spitzwegs berühmtem Bild „Der arme Poet”.

Unter der Dachschräge stapelten sich Bücher. Überall Papiere, manche bekritzelt, andere mit Wasserfarbe betröpfelt. Dazwischen Stifte und Pinsel in allen Ausführungen. Und es roch eigentümlich: etwas säuerlich, dumpf, sehr eigen.

Wie seltsam, wie unordentlich es hier ist, dachte ich. Gleichzeitig spürte ich eine leise Ehrfurcht. Noch ahnte ich nicht, dass mich dieser Ort nicht mehr loslassen würde.

Etwa zeitgleich kam ein zweites Atelier dazu. Die Tante meines Vaters, Hildegard, genannt Gigi, war Kunstlehrerin an einem Heidelberger Gymnasium – und eine echte Künstlerin. Sie verwandelte die liebliche Silhouette Heidelbergs in dramatische, expressionistische Striche. Ich mochte sie sehr, die Tante mit den lustig zwinkernden Augen.

Ihr Zuhause war ein einziges kreatives Durcheinander. Und im Untergeschoss lag ihr Atelier: dunkel wie eine Höhle, Farbe auf dem Tisch, Farbe auf dem Boden, Pinsel in Blechbüchsen.

Diese Orte haben mich geprägt und sind mit ein Grund dafür, warum Künstlerateliers auf mich immer schon eine magische Wirkung ausgeübt haben. Ich verstand früh, wie eigen die Handschrift eines Menschen ist, und dass sie sich auch in seinem Atelier zeigt. 

Kein Atelier gleicht dem anderen. Das von Angelika ist hell und lichtdurchflutet, ganz anders als die Dachkammer meiner Kindheit. Und bis heute liebe ich dieses kribbelnde Gefühl auf dem Weg in ein Atelier.

Ein Atelier ist …

… ein Ort der Intimität. Hier entfaltet sich etwas Inneres und nimmt Gestalt an. Hier wird probiert, verworfen, gescheitert und dann, ganz plötzlich, etwas Großartiges geschaffen. Es ist ein Ort des Schwitzens, der Unsicherheit und der Wahrheit. Manchmal ist es bedrückend, mit sich allein zu sein. Und dann wieder beflügelnd.

Hier ist alles roh und echt. Die Luft ist so dicht wie in einem Schlafzimmer, dessen Laken einen ganz eigenen Geruch tragen. Hier nehmen Träume Gestalt an, bevor sie hinausgehen. Und hier wohnen beide Seiten nebeneinander: die nagende Unsicherheit und die Vorfreude darauf, bald mit der Welt ins Gespräch zu kommen.

Und was hat all das mit deiner Rede zu tun?

Ziemlich viel. 

Eine gute Rede entsteht genau so: von innen nach außen. Bevor sie auf einer Bühne steht, ist sie ein Haufen Gedanken, ein gestrichener Satz und ein neuer Anfang. Sie braucht einen geschützten Raum, in dem man probieren und scheitern darf, bis etwas da ist, das wirklich nach dir klingt. Erst dann geht sie hinaus in die Welt.

Deshalb heißt bei mir (fast) alles Atelier: das Speech Atelier, in dem ich mit Menschen an ihrer Stimme arbeite. Und meine Ateliernotizen, in denen ich teile, was mir dabei begegnet.

Und du? Wo ist dein Atelier, der Ort, an dem deine Gedanken Gestalt annehmen?

Herzlich,

Sylvia

Diese Geschichte stammt aus meinen Ateliernotizen.

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Und wer mehr über die Welt hinter Angelika Trojnarskis Bildern erfahren möchte: In meinem Podcast WE ARE ART! habe ich ein inspirierendes Gespräch mit ihrer Galeristin Tanja Wagner geführt. Zur Podcastfolge


Dr. Sylvia Dominique Volz
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