

Ich hasse es, vor anderen zu reden.
Diesen Satz höre ich ständig. Von Frauen und von Männern. Von Menschen, die sich sonst brillant ausdrücken und beruflich ganz selbstverständlich auftreten.
Neulich habe ich mich gefragt: Ging es mir jemals auch so?
Die ehrliche Antwort: Ja.

Im Studium war ich vor jedem Referat hypernervös und in meinem Kopf kreisten immer dieselben Fragen: Bin ich schlau genug? Habe ich genug auf dem Kasten, um das wirklich gut zu machen?
Dass meine Persönlichkeit dabei eine Rolle spielen könnte, kam mir gar nicht in den Sinn. Darum ging es an der Uni ja auch nicht.
Das änderte sich an einem einzigen Abend.
Ich war Mitte zwanzig, als ich bei einem Fest im Museum vor etwa 150 Gästen sprechen sollte – über eine Serie von Andy Warhol, die dort gerade hing: Ten Portraits of Jews of the Twentieth Century.
Der Museumsdirektor hatte mich dazu ermutigt. Heidelberger Gesellschaft, sehr akademisch.
Und diesmal war etwas anders.
Ich kannte viele im Publikum und ahnte, wie sie ticken. Und ich fand Warhol damals irgendwie aufregend und ganz anders als vieles, was ich an der Uni gelesen hatte. Schon als junges Mädchen, ein Fan großer Filmstars, hatten mich seine Marilyns in Neonfarben fasziniert.
Über die Portraits of Jews war zu der Zeit noch wenig geschrieben worden. Warum gerade diese zehn Menschen?
Ich durchforstete ein Buch nach dem anderen, bis ich auf die Idee kam, in Warhols veröffentlichten Tagebüchern nachzusehen. Und dort fand ich, wonach ich gesucht hatte. Goldnuggets.
Als ich ans Pult trat, begann ich nicht mit einer kunsthistorischen Einordnung in die Porträtkunst. Sondern mit einem Satz aus Warhols Tagebuch:
„We worked on the portraits of Jews. Rupert was here. They’re going to sell.”
Für einen Moment war es still. Dann ging ein Schmunzeln durch den Raum.
Rupert war Warhols Drucker. Und der Satz verriet mehr über den Künstler als jede Analyse.
Mancher hatte vielleicht erwartet, dass Warhol Franz Kafka verehrte oder Sarah Bernhardt bewunderte. Doch ihn trieb etwas anderes an: Die Idee kam von einem New Yorker Kunsthändler, und Warhol hatte sofort einen Riecher dafür, dass sich diese Porträts in seinem Umfeld gut verkaufen würden.
Also, kein Pathos, keine Ehrfurcht. Nur dieser trockene, fast unverschämt ehrliche Blick aufs Geschäft, ganz im Geist der beginnenden Achtzigerjahre. Warhol wollte nie nur Künstler sein, sondern auch Geschäftsmann, und hat das nie verschwiegen.
Es war entwaffnend. Das Publikum war sofort bei mir. Ich spürte, wie es jedem meiner Worte folgte, bis zum Schluss.
Ich hatte nicht mit meiner Expertise begonnen, sondern mit etwas Menschlichem. Etwas Greifbarem.
Und ich hatte aufgehört zu fragen, ob ich schlau genug bin. Stattdessen hatte ich gefragt, was dieses Publikum an diesem Abend braucht.
Seitdem ist Reden für mich ein Spiel. Eine Art Tango mit dem Publikum.
Jedes Mal lasse ich mich neu darauf ein und fühle mich hinein: Wie erreiche ich diese Menschen? Ich stelle mich in ihren Dienst, mit allem, was ich weiß.
Denn die eigentliche Kunst liegt darin, selbst zu leuchten, indem man das Publikum leuchten lässt. Ihm das Licht in die Hand drückt.
Wenn du das nächste Mal vor einer Rede sitzt, frag dich nicht: Bin ich gut genug?
Frag dich: Was braucht mein Publikum wirklich?
Genau das ist übrigens die zweite der sieben Fragen in meinem Atelierheft. Falls du es noch nicht hast: Schau es dir unbedingt an.
Und noch etwas: Ich arbeite gerade an einer neuen Rede über Persönlichkeit, Authentizität und Charisma, und darüber, warum sie mehr bewirken als jede Rhetorik. Bald mehr.
Sylvia
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